Lebenslauf und ATS

Anschreiben: wann es den Ausschlag gibt und wann du es dir sparen kannst

Die nützliche Frage ist nicht, ob das Anschreiben tot ist, sondern bei welchen Bewerbungen es etwas bewegt. Hier sind die Daten, wie Recruiter es tatsächlich nutzen, und eine schnelle Methode, um zu entscheiden, ob es deine Zeit wert ist.

Cernoria-TeamAktualisiert am 13. Oktober 20269 Min. Lesezeit

Das Wichtigste

  • Das Anschreiben konkurriert nicht mit dem Lebenslauf: Es beantwortet die Frage, die der Lebenslauf offenlässt. Lässt er keine offen, kannst du es dir sparen.
  • In fünf Fällen verändert es das Ergebnis: Branchenwechsel, Lücke im Lebenslauf, Umzug in eine andere Stadt oder ein anderes Land, nur teilweise erfüllte Anforderung und interne Empfehlung.
  • Verlangt die Anzeige ein Anschreiben, kommt es immer mit. Ist das Feld optional und du zweifelst, sind drei konkrete Sätze besser als ein leeres Feld.
  • Ein einziger Absatz leistet die Arbeit: die Tatsache, der Beleg mit einer Zahl und was du in der Stelle tun würdest. Ohne Entschuldigung.

Was die Daten sagen und was nicht

Alle paar Monate erklärt jemand das Anschreiben für tot. Die wenigen Studien mit sauberer Methode sagen etwas anderes. Am häufigsten zitiert wird ein Experiment von ResumeGo, das 7.287 fiktive Bewerbungen auf echte Stellenanzeigen in den USA schickte, mit und ohne Anschreiben, und die Rückmeldungen zählte. Dazu kommt eine Umfrage von Resume Genius unter 625 US-Personalverantwortlichen.

Man sollte sie vorsichtig lesen. Es sind US-Daten zu Stellen auf großen Jobportalen; eine vergleichbare Studie aus Deutschland oder Europa, die wir prüfen konnten, haben wir nicht gefunden. Und gemessen wird nicht „Anschreiben ja oder nein“, sondern ein passgenaues Anschreiben gegen gar keines. Ein Standardschreiben ist etwas anderes, und kaum jemand bewertet beides gleich.

+53 %

mehr Rückmeldungen für Bewerbungen mit einem auf die Stelle zugeschnittenen Anschreiben als für Bewerbungen ohne, in einem Experiment mit 7.287 Bewerbungen.

Quelle: ResumeGo, „Cover Letters: Just How Important Are They?“, Experiment mit 7.287 Bewerbungen in den USA (2019-2020)
81 %

der befragten Recruiting-Fachleute schätzen ein zugeschnittenes Anschreiben deutlich höher als ein allgemeines.

Quelle: ResumeGo, „Cover Letters: Just How Important Are They?“, Experiment mit 7.287 Bewerbungen in den USA (2019-2020)
73 %

der Personalverantwortlichen in Unternehmen, die kein Anschreiben verlangen, lesen es trotzdem, immer oder häufig.

Quelle: Resume Genius, Umfrage unter 625 US-Personalverantwortlichen (2023)

Wie Recruiter es tatsächlich nutzen

Kaum jemand liest das Anschreiben zuerst. Die übliche Reihenfolge ist eine andere: Der Lebenslauf entscheidet, ob die Bewerbung weiterkommt, und das Anschreiben wird geöffnet, wenn der Lebenslauf eine Frage aufwirft oder zwei Kandidaten gleichauf liegen. Deshalb rettet ein glänzendes Anschreiben keinen Lebenslauf, der nicht zur Anzeige passt, und ein mittelmäßiges versenkt selten einen, der passt.

Am meisten zählt es bei Bewerbungen, die auf den ersten Blick nicht passen: jemand aus einer anderen Branche, jemand, der seit einem Jahr nicht gearbeitet hat, oder jemand aus einer anderen Stadt. Dort wirft der Lebenslauf eine Frage auf, und wenn nichts sie beantwortet, beantwortet der Recruiter sie selbst, meist mit der ungünstigsten Annahme.

Und es gibt einen dritten Nutzen, den kaum ein Ratgeber erwähnt: Vor dem Vorstellungsgespräch wird das Anschreiben noch einmal gelesen. Was du geschrieben hast, wird zu Fragen. Jeder Satz muss also etwas sein, das du laut vertreten kannst.

Wann du es schreibst und wann nicht

Nicht jede Bewerbung verdient den gleichen Aufwand. Das ist die Tabelle, mit der wir bei Cernoria entscheiden, je nach Kanal und danach, was dein Lebenslauf schon erzählt:

Anschreiben ja oder nein
SituationAnschreiben?Warum
Die Anzeige verlangt esJa, immerWer es weglässt, folgt einer Anweisung nicht, und das fällt als Erstes auf.
Großes Jobportal, optionales Feld, Hunderte BewerbungenKurz oder gar nichtEs wird selten geöffnet. Passt dein Lebenslauf schon zur Anzeige, ist die Zeit besser in seine Anpassung investiert.
Bewerbung per E-Mail an eine PersonJa, im Text der E-MailDie E-Mail ist das Anschreiben: Sie wird als Erstes gelesen.
Branchen- oder FunktionswechselJaDer Lebenslauf zeigt, woher du kommst; das Anschreiben erklärt, warum der Wechsel Sinn ergibt.
Lücke im LebenslaufJa, mit einem SatzEine Lücke ohne Kontext wird mit der schlechtesten Annahme gefüllt.
Du ziehst um oder bewirbst dich aus dem AuslandJaRecruiter fragen sich nach Starttermin, Arbeitserlaubnis und Verbindlichkeit. Ein Satz klärt das.
Jemand aus dem Unternehmen empfiehlt dichJa, kurzWer die Person und den Grund nennt, wird früher gelesen.
Stelle mit hohem Volumen und automatisiertem VerfahrenNicht nötigEntschieden wird nach Verfügbarkeit und Anforderungen. Die Zeit bringt bei einer anderen Bewerbung mehr.
Kriterium von Cernoria, kein Branchenstandard. Sagt die Anzeige etwas anderes, gilt die Anzeige.

Die fünf Fälle, in denen es das Ergebnis verändert

In diesen Fällen kann der Lebenslauf, so gut er auch ist, nicht die ganze Geschichte erzählen. Das Anschreiben ist der einzige Ort der Bewerbung, an dem Kontext Platz hat:

  • Branchen- oder Funktionswechsel. Es geht nicht darum, um eine Chance zu bitten, sondern zu zeigen, welcher Teil deiner bisherigen Arbeit dieselbe Arbeit unter anderem Namen ist.
  • Lücke im Lebenslauf. Ein neutraler Satz in der Vergangenheit („2025 habe ich einen Angehörigen gepflegt, seit Januar stehe ich zur Verfügung“) schließt das Thema. Mehr als ein Satz öffnet es wieder.
  • Umzug. Ist die Stelle in München und dein Lebenslauf sagt Hamburg, schreib, wann du vor Ort bist. Ohne das scheitern viele Bewerbungen an der Logistik, nicht am Profil.
  • Nur teilweise erfüllte Anforderung. Schreib nicht, was dir fehlt: Zeig das Nächstliegende, das du gemacht hast, mit einer Zahl, und lass die Leserin oder den Leser selbst schließen.
  • Interne Empfehlung. Nenn die Person in der ersten Zeile und sag, woher du sie kennst. Es ist der stärkste Satz im ganzen Anschreiben.

Das Anschreiben konkurriert nicht mit dem Lebenslauf: Es beantwortet die eine Frage, die der Lebenslauf offenlässt. Lässt er keine offen, ist das beste Anschreiben das, das du nicht schreibst.

Gedanke des Cernoria-Teams

In 30 Sekunden entscheiden

Bevor du ein leeres Dokument öffnest, beantworte diese vier Fragen der Reihe nach. Das erste „Ja“ entscheidet und sagt dir zugleich, worum es im Anschreiben gehen muss:

  1. Verlangt die Anzeige ein Anschreiben?

    Dann schreibst du es, auch wenn es kurz ist. Entscheidung gefallen.

  2. Lässt dein Lebenslauf eine Frage offen?

    Branchenwechsel, Lücke, andere Stadt oder eine halb erfüllte Anforderung. Wenn ja, schreib es und widme den mittleren Absatz genau dieser Frage.

  3. Geht es an eine bestimmte Person?

    Eine direkte E-Mail, eine Empfehlung oder ein kleines Unternehmen, in dem die lesende Person auch entscheidet. Wenn ja, halte es kurz und konkret.

  4. Nichts davon?

    Schreib es nicht. Steck die Zeit in die Anpassung deines Lebenslaufs oder in eine weitere Bewerbung.

Der Absatz, der zählt

Hast du dich fürs Schreiben entschieden, muss nicht das ganze Anschreiben hervorragend sein. Ein Absatz muss es sein: der, der die Frage beantwortet, wegen der du überhaupt schreibst. Er hat drei Teile, immer in dieser Reihenfolge: die Tatsache (was sich ändert oder einer Erklärung bedarf), der Beleg (etwas, das du gemacht hast, mit einer Zahl) und der Ausblick (was du damit in dieser Stelle tun würdest).

Was er nie enthält, ist eine Entschuldigung. „Obwohl ich keine Erfahrung in ... habe“ zeigt der Leserin oder dem Leser einen Absagegrund, den sie vielleicht gar nicht bemerkt hätten, und verschenkt die beste Zeile. Den vollständigen Aufbau und ein Musteranschreiben findest du auf unserer Seite zum Anschreiben; hier nur dieser eine Absatz, vorher und nachher.

Beispiel
Ein Branchenwechsel, vorher und nachher (erfundene Person)

Fall: Lukas Beispiel, acht Jahre Lehrer an einer Realschule, bewirbt sich auf eine Stelle in der internen Weiterbildung eines Logistikunternehmens.

Vorher: „Obwohl ich keine Erfahrung in der freien Wirtschaft habe, glaube ich, dass meine pädagogischen Fähigkeiten für Ihr Weiterbildungsteam nützlich sein könnten, und ich bin hoch motiviert, Neues zu lernen.“

Nachher: „Seit acht Jahren konzipiere und halte ich Schulungen für Gruppen von dreißig Personen. In den letzten zwei Jahren habe ich die Digitalisierung meiner Schule geleitet: Ich habe 40 Kolleginnen und Kollegen geschult, und innerhalb eines Schuljahres stieg die Zahl der Lehrkräfte, die die Online-Plattform nutzen, von 5 auf 32. Das ist die Aufgabe, die Ihre Anzeige beschreibt, mit Erwachsenen, die in einem anderen Tempo arbeiten, und ich würde genauso anfangen: herausfinden, wer die Werkzeuge schon nutzt und wer nicht, und zuerst die schulen, die die anderen mitziehen.“

Was KI verändert hat

Ein ordentliches Anschreiben kostet heute nichts mehr, und genau deshalb hebt ein ordentliches Anschreiben niemanden mehr hervor. Recruiter bekommen stapelweise Schreiben, die gleich klingen: Begeisterung, Teamfähigkeit, Lernbereitschaft. Was sich ohne dich nicht erzeugen lässt, sind die Details: die Zahl, der Name des Projekts, der echte Grund, warum es genau dieses Unternehmen ist und kein anderes.

KI zum Strukturieren und Glätten zu nutzen ist sinnvoll, solange das Material aus deiner eigenen Erfahrung stammt. Ein Anschreiben, das einen Erfolg nennt, den du nie hattest, fällt bei der ersten Frage im Gespräch in sich zusammen und reißt alles andere mit.

Häufige Fragen

Lesen Unternehmen Anschreiben überhaupt noch?

Viele schon, vor allem wenn der Lebenslauf eine Frage aufwirft oder zwei Kandidaten nah beieinanderliegen. In einer Umfrage von Resume Genius unter 625 US-Personalverantwortlichen gaben 73 % derjenigen, die kein Anschreiben verlangen, an, es trotzdem immer oder häufig zu lesen.

Soll ich ein Anschreiben schicken, wenn die Anzeige keines verlangt?

Nur wenn dein Lebenslauf eine Frage offenlässt (Branchenwechsel, Lücke, Umzug, halb erfüllte Anforderung) oder die Bewerbung an eine bestimmte Person geht. Sonst ist die Zeit besser in die Anpassung des Lebenslaufs investiert.

Wie erkläre ich eine Lücke im Lebenslauf im Anschreiben?

Mit einem neutralen Satz in der Vergangenheit, der sagt, was du gemacht hast und seit wann du verfügbar bist. Ohne Rechtfertigung und ohne Details: Ein Satz schließt das Thema, ein Absatz öffnet es wieder.

Was schreibe ich, wenn ich nicht alle Anforderungen erfülle?

Nenn nicht, was dir fehlt. Zeig das Nächstliegende, das du gemacht hast, mit einer konkreten Zahl, und was du in der Stelle tun würdest. Den Schluss zieht die lesende Person selbst.

Taugt ein mit KI geschriebenes Anschreiben etwas?

Ja, wenn der Inhalt aus deiner echten Erfahrung stammt und du es vor dem Absenden prüfst. Ein nur aus der Anzeige erzeugtes Anschreiben klingt wie alle anderen und sagt nichts, was der Lebenslauf nicht schon sagt.

Quellen

  1. ResumeGo, „Cover Letters: Just How Important Are They?“, Experiment mit 7.287 Bewerbungen in den USA (2019-2020)
  2. Resume Genius, Umfrage unter 625 US-Personalverantwortlichen (2023)

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